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Innere Antreiber

Wenn ich jemandem mit gesundheitlichen Problemen – nicht nur Darmproblemen – nur einen einzigen Lebensstil Tipp geben dürfte, wäre es der, das eigene Stresslevel zu kontrollieren. Stress hat negative Auswirkungen auf wirklich jeden Aspekt unserer Gesundheit. Dabei ist es ein so allumfassendes und allgegenwärtiges Phänomen, dass es super schwer ist, Stress überhaupt zu greifen oder zu definieren.

Auf dem Weg mit meinem Reizdarm gab es einen Stressfaktor, der einen wahren Durchbruch für meine Gesundheit bedeutet hat, als ich geschafft habe, ihn auszuschalten: mir selbst nicht zu genügen.
Wie ich das gemacht habe und welches Selbstreflektions Tool mir dabei geholfen hat, möchte ich in diesem Artikel teilen.

Perfektion

Es gab eine lange Zeit in meinem Leben, in der ich immer das Gefühl hatte, es ginge noch so viel mehr. Ich hatte das Gefühl, nicht die beste Version meiner selbst zu sein und als Konsequenz daraus fühlte ich mich weder für mich selbst noch für andere liebenswert. Komplimente prallten an mir ab, Zwischenziele erreicht zu haben war keine Erleichterung, sondern führte mir vor Augen, wie viel Veränderung ich noch brauchte, um gut zu sein. Ich rannte den ganzen Tag einer Stimme hinterher, die mir sagte: „Streng dich an, sei perfekt, beeil dich“, und wenn ich sie ignorierte, fing sie an mich zu triezen: „Du bist faul, du bist nicht gut genug, du bist zu langsam“.

Es dauerte ziemlich lange, bis ich wirklich verinnerlichte, dass die Vorstellungen über mein Ideal-Selbst unerreichbar waren und ich dringend anfangen musste, mich, auch so wie ich war, als liebenswert zu empfinden. Es brauchte viele Trennungsprozesse und auch heute muss ich mich noch regelmäßig daran erinnern, was es bedeutet, sich selbst und andere Menschen als „ganz“ zu empfinden – Punkt.

Das mag für viele Ohren recht esoterisch klingen und ich weiß, wie allergisch ich zeitweise gegen solche Lebensweisheiten war. Deshalb möchte ich euch gerne ein Modell vorstellen, das ganz kognitiv und unesoterisch dabei hilft, zu verstehen, woher diese Konstrukte wie „Perfektionismus“ kommen.

Ich wäre wieder okay, wenn…

In der Regel entwickeln wir Menschen Strategien, unserem „Nicht-OK-Gefühl“ zu entrinnen. Solche Strategien beginnen meistens mit den Worten: Ich wäre wieder OK, wenn ich…10kg weniger wiege, Jahrgangsbeste bin, einen Partner habe, mehr Stunden im Büro sitze als alle anderen, einen Marathon laufe und so weiter und so fort.

Diese Strategien sind ein Symbol für unsere tiefliegenden Glaubenssätze und werden in der Beratung als „Antreiber“ bezeichnet. Leider sind sie zwar ein verständlicher, aber kein hilfreicher Mechanismus. Meistens führen sie dazu, dass wir, wie der Esel, der Karotte am Stiel hinterherlaufen.

Der Amerikaner Taibi  Kahler unterscheidet 5 dieser Antreiber:

  1. Sei perfekt!
  2. Sei schnell!
  3. Sei stark!
  4. Streng dich an!
  5. Mach es allen Recht!

Bevor du jetzt sofort denkst: Ja, das bin ich!, will ich ganz klar sagen, dass diese Antreiber keine Persönlichkeitstypen sind. Sie sind eine stark vereinfachte Kategorisierung von Tendenzen, die wir in Stresssituationen zeigen. Sie sind also sehr kontextgebunden und sollten nicht zu stark generalisiert werden.
Wenn sie sich allerdings verselbstständigen und dadurch Dauerstress verursachen, kann man versuchen, sie zu identifizieren und umzuformulieren. Dazu habe ich euch einmal einen kleinen Antreiber Test unten an den Blogpost angehängt. Bitte nutzt ihn als Unterstützung und nicht als den heiligen Gral. Dort, wo die höchsten Punktwerte herauskommen, sollte der stärkste Antreiber sein.

Umdenken

Erst einmal ist es wichtig, sich eine Umformulierung für die eigenen Glaubenssätze aufzuschreiben. Ich formuliere mal ein paar Beispiele:

  1. Sei perfekt!  „Ich muss alles noch besser machen, es ist nie gut genug.“ Ich darf Fehler machen, um zu lernen. Ich darf selber sein. Ich mache meine Arbeit gut und achte auf mich.
  2. Sei schnell! „Ich muss schnell sein, sonst werde ich nicht fertig.“ Ich darf Pausen machen und mir so viel Zeit geben, wie ich brauche. Ich darf mir Zeit nehmen. Ich mache langsam, dann komme ich schneller an.
  3. Sei stark! „Niemand darf merken, dass ich schwach und empfindlich bin. Indianer kennen keinen Schmerz.“ Ich gebe Aufgaben ab, die andere besser können als ich. Ich bin teamfähig und hole mir Unterstützung, wenn ich sie brauche. Emotionen zu zeigen ist ein Zeichen für Stärke.
  4. Streng dich an! „Das Leben ist kein Ponyhof.“ Ich bin gut und leiste gute Arbeit. Ich entscheide selbst, wann ich mich anstrenge und wann ich Pausen mache.
  5. Mach es allen Recht! „Ich bin wertvoll, wenn alle mit mir zufrieden sind.“ Ich mache es auch mir selber Recht-Ich habe das Recht, nein zu sagen. Ich erfülle Erwartungen, die auch meinen Bedürfnissen entsprechen.

Wenn mir im Alltag meine eigenen Glaubenssätze aufgefallen sind, habe ich mir meine positiven Umformulierungen im Kopf in Dauerschleife aufgesagt – manchmal auch laut. Ich weiß, es kommt einem albern vor, aber letztendlich lernen wir so, und wenn wir uns selbst etwas neu lehren wollen, ist Wiederholung ein bewährter Weg. Stellt euch einfach vor, ihr habt für eure Prüfung etwas falsch auswendig gelernt und versucht es jetzt zu „überschreiben“. Ich kann kaum beschreiben, wie groß die Erleichterung ist, diesen Stressfaktor los zu sein.

An dieser Stelle mache ich mal einen Schnitt und schreibe gerne noch mehr zu dem Thema, wenn es euch interessiert. Jetzt bin ich erst einmal gespannt, was ihr denkt und ob es euch wohl hilft. Ich wünsche euch eine wunderschöne Woche (vielleicht mit viel Schnee) und sende euch liebe Grüße aus Berlin.

Eure Anika


Fragebogen

Diese Aussage trifft auf mich in meiner Berufswelt zu:
voll und ganz = 5
gut = 4
etwas = 3
kaum = 2
gar nicht = 1

5 4 3 2 1
1.   Wann immer ich eine Arbeit mache, dann mache ich sie äußerst gründlich. Es dürfen keine Fehler vorkommen.
2.   Ich bin dafür verantwortlich, dass diejenigen, die mit mir zu tun haben, sich wohl fühlen.
3.   Ich bin ständig auf Trab. Alles muß schnell gehen.
4.   Anderen gegenüber zeige ich meine Schwächen nicht gerne. Ich erscheine stark, nur keine Blöße zeigen.
5.   Meine Devise: ,,Wer rastet, der rostet.“
6.   Häufig brauche ich den Satz: ,,So einfach kann man das nicht sagen.“
7.   Ich sage und mache oft mehr, als eigentlich nötig wäre.
8.   Leute, die nicht korrekt genug arbeiten, lehne ich eher ab.
9.   Gefühle zu zeigen, bedeutet Schwäche zu zeigen.
10.   Auf gar keinen Fall lockerlassen, das ist meine Devise.
11.   Wenn ich eine Meinung äußere, begründe ich sie auch, denn Kompetenz auszustrahlen, ist für mich sehr wichtig.
12.   Wenn ich einen Wunsch habe, erfülle ich ihn mir sehr schnell.
13.   lch liefere den Bericht erst ab, wenn ich ihn mehrere Male überarbeitet habe, damit er ja perfekt ist.
14.   Leute, die ,,herumtrödeln“, regen mich auf, denn Zeit ist Geld.
15.   Es ist wichtig für mich, von den anderen akzeptiert zu werden. Dafür stelle ich meine Interessen in den Hintergrund.
16.   lch habe eher eine harte Schale und einen weichen Kern. Den darf man aber in der Berufswelt nicht zeigen.
17.   lch versuche herauszufinden, was andere von mir erwarten, um mich danach zu richten, denn die anderen sollen mich lieben.
18.   Leute, die unbekümmert in den Tag hineinleben, kann ich nur schwer verstehen, denn Erfolge muß man sich hart erarbeiten.
19.   Leute, die nicht zur Sache kommen, unterbreche ich öfter, denn meine Zeit ist kostbar.
20.   lch löse meine Probleme selber. Selbst ist der Mann/die Frau.
21.   Aufgaben erledige ich möglichst rasch, denn es gibt noch viel zu tun.
22.   lm Umgang mit anderen bin ich auf Distanz bedacht. Zuviel Nähe schmälert die Autorität.
23.   lch sollte viele Aufgaben noch besser erledigen, da sie noch nicht perfekt genug sind.
24.   lch kümmere mich persönlich auch um nebensäch­liche Dinge, damit auch wirklich alles o.k. geht.
25.   Erfolge fallen nicht vom Himmel, ich muß sie hart erarbeiten. ,,Im Schweiße Deines Angesichts“.
26.   Für dumme Fehler habe ich wenig Verständnis.
27.   lch lege Wert darauf, dass Andere Fragen rasch und bündig beantworten.
28.   Es ist mir wichtig, von anderen zu erfahren, ob ich meine Sache gut gemacht habe, denn ich brauche die Bestätigung der anderen, dass ich o.k. bin.
29.   Wenn ich eine Aufgabe begonnen habe, führe ich sie auch immer zu Ende.
30.   lch stelle meine Wünsche und Bedürfnisse zugunsten derjenigen anderer Personen zurück. Ich will unbedingt akzeptiert werden.
31.   Ich bin andern gegenüber oft hart, um von ihnen nicht verletzt zu werden. Zuviel Nähe ist gefährlich.
32.   Wenn es mir zu langsam vorangeht, dann trommle ich oft ungeduldig mit den Fingern auf den Tisch.
33.   Beim Erklären von Sachverhalten verwende ich gern die klare Aufzählung: ,,Erstens…, zweitens …, drittens…, oder ,,Auf der anderen Seite…“
34.   lch glaube, dass die meisten Dinge nicht so einfach sind, wie viele meinen. Die machen es sich viel zu leicht.
35.   Es ist mir unangenehm, andere Leute zu kritisieren, denn dann könnten die mich ja nicht mehr gern haben.
36.   Bei Diskussionen nicke ich häufig mit dem Kopf.
37.   lch strenge mich an, meine Ziele zu erreichen. Nur was hart erarbeitet ist, zählt.
38.   Mein Gesichtsausdruck ist eher ernst und konzentriert.
39.   lch bin ruhelos, nervös und manchmal auch hektisch.
40.   So schnell kann mich nichts erschüttern. Ich bin der Fels in der Brandung.
41.   Meine Gefühle gehen andere nichts an. Ich muß stark sein. Wer Gefühle zeigt, ist schwach.
42.   Mir geht es fast immer zu langsam, aus diesem Grund treibe ich die anderen an, damit mal was vorwärts geht.
43.   Ich sage oft: ,,Genau – exakt – klar – logisch -selbstverständlich.“
44.   lch sage oft: ,,Das verstehe ich nicht…“
45.   lch sage eher: ,,könnten Sie es nicht einmal ver­suchen“, als ,,Versuchen Sie es einmal.“ Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.
46.   lch bin diplomatisch, damit ich so gut wie niemanden vergraule.
47.   lch versuche, die an mich gestellten Erwartungen zu übertreffen. Für mich ist es wichtig, besser als andere zu sein.
48.   Beim Telefonieren bearbeite oder erledige ich häufig noch nebenbei andere Dinge.
49.   ,,Auf die Zähne beißen“, heißt meine Devise, denn ein Indianer kennt keinen Schmerz.
50.   Trotz enormer Anstrengungen will mir vieles einfach nicht gelingen. Aber wenn ich mich nur wieder richtig anstrenge, dann wird es schon wieder.

Zur Auswertung des Fragebogens übertrage deine Bewertungszahlen für jede entsprechende Fragenummer auf den folgenden Auswertungsschlüssel. Zähle dann alle Bewertungszahlen zusammen.

,,Sei perfekt“ Fragen
1 8 11 13 23 24 33 38 43 47 Total

 

,,Sei schnell“ Fragen
3 12 14 19 21 27 32 39 42 48 Total

 

,,Sei stark“ Fragen
4 9 16 20 22 26 31 40 41 49 Total

 

,,Streng dich an“ Fragen
5 6 10 18 25 29 34 37 44 50 Total

 

,,Mach es allen Recht“ Fragen
2 7 15 17 28 30 35 36 45 46 Total

 

In Anlehnung an Kälin/Müri ,,Sich und andere führen“, Ott Verlag, Thun.

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