Alle, Allgemein, Alltag, Reizdarm
Kommentare 8

Ein kranker Bauch macht Angst

Heute möchte ich über ein sensibles Thema schreiben, dass sehr eng mit meinem Reizdarm einhergeht, auf den ersten Blick aber gar nicht offensichtlich scheint: die Angst. Dabei ist die Verbindung zwischen Darm und Angst sowohl logisch als auch biologisch gut nachvollziehbar.

Die Angst im Bauch

Wahrscheinlich sind viele von euch damit vertraut, dass ein gut funktionierendes Verdauungssystem eng mit einer gesunden Psyche zusammenhängt. Stress, „schlägt auf den Magen“, an belastenden Dingen „habe ich zu knabbern“, wenn mich starke Emotionen übermannen, habe ich beispielsweise „Wut im Bauch“ und wenn ich verliebt bin, kann ich nichts essen, weil ich „Schmetterlinge im Bauch“ habe. Die deutsche Sprache illustriert die Verbindung zwischen dem Nervensystem im Bauch und dem im Hirn sehr schön. Wie ich schon in früheren Blogartikel geschrieben habe, ist es nicht so, dass das Hirn den Darm befiehlt, sondern, dass beide Nervensystem interagieren. Immer mehr Studien belegen den Zusammenhang zwischen Depressionen, ADHS oder eben auch Angststörungen, wenn mit dem Darm etwas nicht stimmt.

…und in Gesellschaft

Aber auch abgesehen davon, bringt ein kranker Darm viele Angstfaktoren mit sich. Zu der Zeit, als ich nur alle 14 Tage auf die Toilette gehen konnte, war es zum Beispiel mein persönlicher Albtraum, dass Leute denken könnten, ich wäre schwanger. Ich kaufte formende Unterwäsche, macht Diäten, ging nicht mehr schwimmen und zwang mich in viel zu enge Kleidung, um meinen Bauch zu verbergen. Ich erinnere mich lebhaft an ein Meeting mit meinem Chef, vor dem ich regelrecht Panikanfälle hatte, weil mein Bauch auf das vielfache seiner normalen Größe angeschwollen war. Das ganze Meeting über versuchte ich meine Angst zu beruhigen und meinen Bauch einzuziehen, statt mich zu konzentrieren.

Noch schlimmer war es zu der Zeit, in der ich jeden Tag vielfach auf die Toilette rannte. Der Tisch im Restaurant, der uns zugeteilt wurde, war ewig weit von der Toilette weg oder noch schlimmer: Ich hatte eine ganze Stunde Busfahrt, Autofahrt mit blablacar oder S-Bahn Fahrt vor mir.

Aber auch die anderen Symptome haben brachten immer viele Ängst mit sich. „Werde ich irgendwann gar keine Freunde haben, wenn ich so häufig kurzfristig absage? Was, wenn ich plötzlich pupsen muss? Ist es allen zu kompliziert, mit mir etwas zu unternehmen? Schämen sich grad alle, weil ich mal wieder eine Extrawurst bestelle?“
Irgendwann wurde es sogar schwer abends alleine nach Hause zu gehen, weil eine Stimme in meinem Kopf sagte „du könntest mit den Schmerzen nicht mal wegrennen“.

Die Angst abschütteln

Ich könnte ewig weitermachen. Eins steht fest: Angst ist ein ziemlich fieser Begleiter. Während der Zeit, als sie in meinem Leben sehr präsent war, musste ich häufig an ein Kinderbuch denken. Die Autorin beschreibt und illustriert die Angst wie einen Klammeraffen, der sich von hinten an den Nacken der Hauptfigur des Buchs klammert. Anfangs ist die Angst schwarz, groß und haarig. Sie ist schwer und flüstert dem Kind ständig Warnungen ins Ohr. So sehr das Mädchen auch versucht die Angst abzuschütteln, sie bleibt ihr im Nacken sitzen. Erst am Ende versteht das Mädchen, dass die Angst wichtig ist und es gut mit ihr meint. Als sie die Angst anhört, statt sie abzuschütteln und ihren Rat dankbar annimmt oder ablehnt, verwandelt sich das dunkle Ungetüm auf ihrem Rücken in einen weißen Freund, der an der Hand neben ihr hergeht. Er ist jetzt zwar noch ihr Begleiter, aber beschützt sie mehr, als sie einzuschränken.

Wenn es doch nur so einfach wäre! Auch wenn es sicher erstrebenswert ist, die Angst nicht einfach wegzudrücken, sondern sie unkompliziert anzunehmen, war es damit für mich leider nicht getan. So richtig verschwand die Angst erst, als mein Darm gesund wurde. Heute fühle ich mich selbstbewusster, mutiger und angstfreier denn je in meinem Erwachsenenleben. Trotzdem gab es etwas, das mir immer sehr geholfen hat – und zwar weg von dem klassischen gesund schlafen, gesund essen, keinen Stress etc.

Ich bin nicht meine Gedanken.

Eine Freundin zeigte mir einmal ein Interview mit dem Gründer der Meditations-App Headspace, Andy Puddicombe und er sagte diesen einen Satz, der in meinem Kopf nachklang: Du bist nicht deine Gedanken. Auch wenn ich es anfangs sehr schwer zu greifen fand, empfinde ich die Vorstellung, dass es unter dem ganzen Chaos aus Gedanken, Emotionen und Handlungen noch etwas anderes gibt, das mich ausmacht, sehr beruhigend. Auch wenn ich dieses etwas nicht genau definieren kann, hilft es mir Abstand vom Chaos zu nehmen und es unbeteiligt zu beobachten. Mich in dieses Etwas zurück zu ziehen und eine Pause zu machen. Ich kann die Verantwortung abgeben und ganz plötzlich wird es so viel einfacher, große Ängste zu relativieren. Sie weder zu ignorieren noch größer zu machen, als sie eigentlich sind.

Als ich das für mich fassen konnte, habe ich jedes Mal, wenn ich in der Bahn saß, gedanklich diesen Raum betreten. Ich denke, was ich damit sagen will: Es braucht keine aktive Anstrengung um Ängste loszuwerden. Ich finde im Gegenteil, je mehr ich es versucht habe, desto schwieriger wurde es. Wer das gerne üben will, empfehle ich kleine Atem Meditationen zu üben.

Mir lag es nie im Blut, aber als ich es einmal ein paar Tage gemacht hatte, wurde es leichter und ich kam mir nicht mehr albern vor. Und dann irgendwann vor einem guten Jahr wachte ich auch und stellte überrascht fest, dass meine Angst schon lange verschwunden war, ohne dass ich es gemerkt hatte. Ich habe mich fast ein bisschen einsam gefühlt, aber warum man sich auch im Traurigen, Ängstlichen, Negativen wohlfühlen kann, steht auf einem anderen Blatt.

Bis dahin wünsche ich euch ein wunderschönes Wochenende und sende euch wie immer liebe Grüße aus Berlin. Eure Anika ❤️

PS: Für alle die gefragt haben. In den kommenden Tagen werden die Rezepte für Brot, Birchermüsli, Brokkoli Pizza und Co. online gehen 🙂 Ich habe sie nicht vergessen!

Foto by Albert Scheid

8 Kommentare

  1. Wenn ich das so lese, bin ich froh eher eine“ unängstliche“ Natur zu sein. Aber Hut ab, dass du es geschafft hast, deine tägliche Angst loszuwerden.
    Liebe Grüße von Michaela

    Gefällt 1 Person

  2. Da hab ich letzt einen Bericht gesehen, wo auch eine Frau immer einen gewölbten, mit Luft gefüllten Bauch hatte. Der Arzt fragte sie nach ihrer Ernährung und es stellte sich heraus, dass sie vegetarisch sich ernährt und zudem nur „gesunde“ Sachen zu sich nimmt. „Aha“, meinte der Arzt: „Das ist natürlich gut, aber durch viel Obst und Gemüse entstehen halt auch leider Blähungen und Winde ..“ Er verschrieb ihr, einmal in der Woche einfach mal „ungesund“ zu leben, bzw. weniger pflanzliche Nahrung. Laut Auskunft der Frau hat sich ihr „Magenproblem“ verbessert. Für die Wahrheit von Fernseh-Dokumentationen kann ich mich nicht verbürgen. LG PP 😉

    Gefällt 1 Person

    • Hi PP,
      wie spannend, danke fürs Teilen! Ich habe auch für mich verstanden, dass nur „alles mit Maß“ gut funktioniert. Man kann es mit jeder Art von Ernährung übertreiben denke ich.
      Dir einen schönen Sonntag, Anika 🌷

      Gefällt 1 Person

      • Danke für die liebe Antwort. Hatte schon Angst, du fühlst dich angegriffen in deiner Ernährungseinstellung. Ich esse alles, was mir schmeckt, aber eben nur selten Schweinefleisch, lieber Fisch und Geflügel oder Rind. Käse ist auch lecker.

        Gefällt 1 Person

      • Nein überhaupt nicht! Ich denke Ernährung ist so individuell und komplex, dass es keine Wahrheiten gibt. Und auch innerhalb eines Lebens ändert sich die Einstellung zu Ernährung so oft ☺️ Ich denke es lohnt sich zu lernen dem eigenen Körper zuzuhören und seine Entscheidungen danach auszurichten.

        Gefällt 1 Person

      • Unser Körper sagt uns über die Gefühle, was er braucht. Ich kenn Fälle, wo Kinder kalkmangel hatten und anfingen, die Wände anzuknabbern. Das klingt unglaublich, ist aber in Fachkreisen bekannt. Wenn ich am Abend einen zuviel getrunken habe, hab ich morgens immer Appetit auf Süßes. Inzwischen weiß ich, dass der Körper durch Alk. unterzuckert ist. Wir bekommen oft heishinger. Wir sollten wieder mehr auf unsere Emotionen hören. Unser Unterbewusstsein ist viel klüger als unser Hirn. Auch Gefühle sagen uns oft die Wahrheit, können jedoch auch mal täuschen. Aber zuviel Abwägen und Überlegen verunsichert uns eher. Einfach mal ein Eis essen, wenn man Lust drauf hat. Zum Teufel mit den Torpedos am Morgen ..

        Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s